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12.10.2008, 17:32 Uhr

 

Macht macht geil

Von Gert-Dieter Meier

BREMEN. Machtfragen sind schick. Im Freistaat (wo die CSU gerade ihre unumschränkte Machtfülle verloren und eine Reihe von einstmals Mächtigen in die Wüste geschickt hat. Derweil andere, einstmals Mächtige, weiter die Strippen ziehen). In den USA (es geht vordergründig um die Präsidentschaft, aber eigentlich doch um ein Stück Weltherrschaft). In Frankreich (wo Sarkozy um die mediale Vormachtstellung ausgerechnet gegen seine schöne Frau kämpft). Und in Italien (da scheint Berlusconi als Mann der Macht gesetzt).

 

Macht ist geil. Macht macht geil. Und Macht ist gefährlich. Wusste schon der französische Staatstheoretiker Alexis de Tocqueville, der den richtigen Satz prägte: „Nur Gott kann ohne Gefahr allmächtig sein.“
Katharina Wagner, die soeben - wenn auch nur auf Bayreuths Grünem Hügel - mit ihrer Schwester Eva Wagner-Pasquier (sie war bei der Premiere in Bremen dabei) ein Stück Festspiel-Macht erobert hat, stellt jetzt die Machtfrage neu. Sie tut es mit einem Stück, das als Lieblingsoper des Machtmenschen Adolf Hitler galt: Mit dem „Rienzi“.


„Rienzi, der letzte der Tribunen“. Ein höchst ambivalentes Werk. Mit dem Wagner den Durchbruch schaffte. Das er später freilich als „Jugendsünde“ abtat (obwohl doch Teile erst nach dem „Holländer“ abgeschlossen wurden). Das ihm Ruhm und Ehre einbrachte, im 20. Jahrhundert aber kaum noch gespielt wird. Das als sein „italienischstes“ Oeuvre gilt und doch, quasi eine Ohrwurm-Oper, auch viel musikalische Banalität enthält.
Rienzi, der päpstliche Legal, sieht sich in der korrupten Welt des von Machtkämpfen erschütterten Roms unvermittelt in der Rolle des Heldens. Er, der reine Tor, soll rivalisierenden Banden Einhalt gebieten, die Macht den Mächtigen entreißen und sie dem Volke übertragen. Er tut’s, mit dem Persilschein der Kirche versehen. Und gewinnt Gefallen an diesem Job. Um dann, nach vielen falschen Versprechungen und einigen gravierenden Fehlentscheidungen (darf ein Mächtiger vergeben?), selbst entmachtet zu werden. Rom, für das er gekämpft hat, das freilich längst wieder zum Spielball der Mächtigen geworden ist (Kaiser, Kirche) treibt ihn und seine Schwester Irene, die mit dem Sohn eines Rienzi-Verschwörers turtelt - in den Wahnsinn. Und in den Tod. Sie sind das Volk!  

In Katharina Wagners Bremer Inszenierung (Bühnenbild: Tilo Steffens), ist vor allem dieser Rienzi (vom Premierenpublikum geliebt: der Kraft protzende Tenor Mark Duffin) bestens durchinszeniert. Seine Entwicklung vom einfältigen Tor hin zum sich selbst inszenierenden Machtmenschen und zurück zum verzweifelten, einsamen, wahnsinnigen Verlierer, ist konsequent und durchdacht. Und eine Parabel auf die Politik im Hier und Jetzt.

Bestechend an dieser Inszenierung, in der der Chor fast durchgehend auf der Bühne steht, ist Wagners Geschick im Umgang mit Massen, das sie schon bei den „Meistersingern“ in Bayreuth bewiesen hat. Der Chor (= das Volk) kommentiert in bester Brecht’scher Manier das Geschehen (mal mit Demoschildern, rackert auf der „Baustelle“ Roma, spielt beeindruckend und singt mehr als nur ordentlich, wenn auch mit zu viel leidenschaftlichem Forte im Gepäck (Leitung der Chöre: Tarmo Vaask).

Wagner (30) knausert bei der Deutung dieses Stücks, das ihr Urgroßvater mit 29 Jahren zur Uraufführung brachte, nicht mit Regieeinfällen. Aber sie inszeniert den „Rienzi“ nicht zu Tode. Roma, die Idee des idealen Staats und der Volksherrschaft, die von den Mächtigen mit allen Mitteln bekämpft wird, ist bei ihr zunächst stolzes, klassisches Denkmal, dann Geschändete (enthauptet, blutverschmiert), schließlich laszive Verführerin und Lack-und-Leder-Manga. Statt Lanzen, Schwertern und Speeren tragen die Römer feuerrote Laubsauger. Und Machtfülle wird nicht durch Kostüme oder Accessoires dargestellt, sondern durch Perücken. Weshalb die Machtfrage, folgerichtig, auch im Friseursalon gestellt wird. Das Gemetzel der Mächtigen (Nobili) mit den Machtgierigen (Volk) schließlich wird - es ist das stärkste Bild des Abends - durch eine Bluttreppe symbolisiert, aus der permanent Opferblut pulst, in dem der abgedrehte Rienzi lustvoll badet.


Für die Erstaufführung des „Rienzi“ am Samstag im Bremer Theater erhält Katharina Wagner am Ende warmen, freilich keinen frenetischen  Applaus - und nur sehr wenige Buhs. Viel Beifall zollte das Publikum, drinnen wie draußen (vor dem Theater gab’s ein Public Viewing mit tausend Besuchern), dem Dirigenten Christoph Ulrich Meier. Zum einen wohl für die Leistung mit dem Bremer Orchester, das freilich mit diesem Werk an seine Grenzen kam, zum anderen dafür, dass er aus dem Mammutwerk mit fünf Akten und 16 Nummern eine schlüssige Vier-Sunden-Aufführungen (zwei längere und zwei kurze Pausen inklusive) machte. Womöglich wird diese als „Bremer Fassung“ auch für Bayreuth interessant, wo der „Rienzi“ ja fürderhin gespielt werden soll. Im Rahmenprogramm der Festspiele, nicht zwangsläufig aber im Festspielhaus, wie Katharina Wagner sagte.
Patricia Andress als ausdrucksstarke Irene, Nadja Stefanoff mit bestechender Bühnenpräsenz als Friedensbote und Tamara Klivadenko als verzweifelter Adriano (Wagner hat dieser Männerpartie mit einer Sopranistin besetzt) erhielten vom Publikum viel Beifall, wobei es bei letzterer an der Textverständlichkeit haperte. Allerdings wurden  hoch überm Bühnenportal die Texte eingeblendet - eine gute Idee bei diesem vergleichsweise unbekannten Werk.

INFO Weitere Aufführungen: 18., 23.,  30. Oktober, 2., 14., 21., 26. November, 4., 07., 18. April, 2. Mai.

Internet: www.theaterbremen.de



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